Wie 1001 Nacht

Heute war ich zum ersten Mal, nachdem ich beschlossen hatte, nach vielen Jahren meinen Frisör zu wechseln, in neugewählten Salon. Den Termin hatte ich schon vor zwei Tagen vereinbart, daher wusste ich bereits soviel, dass mich eine gewisse Demi erwarten würde, die mir eine neue Haarpracht zaubern sollte. So überquerte ich die an diesem 9. Jänner verschneite Praterstraße im eisigen Schneesturm und war bereits auf dem ersten Blick umso angenehmer überrascht, in Demi eine wohl nicht nur das Herz erwärmende orientalische Geborgenheit gefunden zu haben, die eine wohlige Stunde mit ihr versprach. Mit bloß ein paar sanften Worten begleitete sie mich zur ersten Station des nun folgenden Schauspiels, genauer, zuerst zu Leonie zum Haarewaschen, die mir mit viel professionellem Einfühlungsvermögen und der Frage, ob das Wasser auch passe, auch ihren Händen freien Lauf ließ. Auf ihr „Angenehm?“ folgte natürlich prompt ein „Ja, danke“ und ich merkte sogleich, dass meine Stimme ein wenig rau klang. Nach kurzer Zeit und einer äußerst angenehmen Kopfmassage war dieser sinnliche Akt vorüber, und ich durfte mich in ihrer liebreizenden Begleitung zum eigentlichen Frisörstuhl begeben, über den Demi das Zepter, oder besser Schere und Kamm schwingen würde. Aber zuvor war es wieder Leonie, die mich mit ihrer sanften Stimme und einem unwiderstehlichen Lächeln fragte, ob sie mich mit einer Handmassage verwöhnen dürfe … Nun, wer könnte das verneinen? Eben. Und daher trafen sich die beiden in aller gebotenen Zärtlichkeit: hier das junge, faltenfreie Leben, voll ihren juvenilen Esprit versprühend und da das Leder der an Lebenserfahrungen reichen Hand, die sich dank Leonies sinnlicher Energie augenblicklich um Jahrzehnte verjüngte.

Aber nun war es Zeit, dass ich nun Demi und ihren Auftritt, ihr Erscheinen nicht genug würdigen, bewundern und lobpreisen kann. Ich wusste es bereits: Die gebürtige Perserin verstrahlte alle Qualität orientalischem Glanzes, den man gerade doch an diesem heutigen strengen Wintertag so herbeisehnte. Nachdem ich meine profanen Wünsche die Haartracht betreffend geäußert hatte, wir erinnern uns, keine HaarTRACHT à la Erwin Pröll wollte ich, sondern eine neue HaarPRACHT, und da fühlte ich mich in Demis Händen bereits auf dem ersten Blick wohl … so pudelwohl, dass ich nun gar nicht weiß, wie ich es in Worte kleiden könnte, standen wir doch erst am Anbeginn unseres kreativen Abenteuers.

Dann begann Demi mit ihrem Werk, und sie erzählte mit ihrer sanften Stimme aus ihrem Leben, von ihrem Zuhause in Mariahilf, vom Haus im Weinviertel, in Falkenstein, wo auch gemeinsame Bekannte von mir ihre späte Heimat gefunden hatten, die Rottarier übrigens, Gabriela und Fritz, unsere Liebe zur Großstadt und im Besonderen unsere Liebe zu Wien und eine, war‘s nur so dahingesagt, Einladung im Frühling ins Weinviertel, wo sie das kleine Anwesen errichtet hatte. Fürs Kind damals und mit ihrem Mann, aber der sei eh nie da, meinte sie. Mir wurde ganz schwindlig, und ich achtete gar nicht mehr darauf, was sie mit ihren Händen auf meinen Kopf anstellte, so fesselten mich ihre Worte. 

Nun, der Haarschnitt hätte ruhig länger andauern können, aber möglicherweise habe ich dafür zu wenige Haare und irgendwann ist das Werk eben vollendet. Ein Blick auf den Rundumspiegel überzeugte mich vom Können dieser königlichen Märchengestalt. 

Wir verabschiedeten uns herzlich, und als ich den Salon verließ, schenkte ich ihm und ihr noch einen wehmütigen Blick zurück mit Wehmut über das soeben Erlebte, aber vielmehr einen freudigen in Richtung Februar, wenn ich mich wieder einfinde auf 1001 Nacht am späteren Vormittag …

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