Swiss Memories

C., die ebenso umtriebige wie rührige Mentorin in meinem Leben, die anscheinend stets bemüht ist, dass ich nicht zwischen Corona und vertrocknenden Limetten verkomme, hat mich kürzlich an das Montreux Jazz Festival erinnert, dass es live in diesem Jahr natürlich auch nicht gibt, aber dafür virtuell.

Heute hatte ich eine Idee: Ich würde das Programm des virtuellen Montreux Jazz Festival durchforsten und möglicherweise einen Abend finden, der programmatisch geeignet wäre, bei Käsefondue, Chardonnay (einen Chasselas kriegt man bei uns eh nicht, und außerdem fürchte ich aus eigener Erfahrung, dass diese Rebe nicht für unseren Gaumen gekeltert ist) und abschließendem Schnapserl einen Klassiker mitzuerleben. Dich hätte ich natürlich eingeladen, mich an diesem Abend in Realiter zu besuchen und nicht bloß virtuell.
Allerdings kam es dann, gleich zu Beginn der Recherche, zu der ernüchternden Erkenntnis, dass aus dem Vorhaben wohl nichts würde, denn die Personen, die das Revival auf Video zusammenstellten, hatten die vielen Jazzkonzerte nicht berücksichtigt, nach einer Pop-Mischkulanz vor dem Fernseher stand mir nicht der Sinn, und die paar Grenzgebiete, die sich auszahlen würden, zu bereisen, kenne ich schon.
Allerdings poppte, als ich so vor mich hinsurfte, nach einigen Jahren wieder ein Tag in Montreux und Umgebung auf, an dem ich mit dem berühmten Claude Nobs einen halben Nachmittag verbringen durfte und schließlich den Wert eines gut gezapften „Château de Pompe“ schätzen lernte.
Angefangen hatte der Vorfrühlingstag im April 2008 am Genfer See damit, dass mich Peter Schmidlin, ein in Montreux ansässiger, ziemlich begüterter (wie anscheinend alle dort) Musiker und, wie ich schon zuvor vernommen hatte, die Kost nicht verachtender Geselle, abholte, um mich einem nahe wohnenden Winzer vorzustellen, der neben dem Weinbau auch der Jazzmusik huldigte, indem er auf seinem Gut regelmäßig Konzerte veranstaltete. Der Winzer führte mich durch sein Anwesen und auch in seine Künste ein, nicht zuletzt um mir seine Versuche, hier auch Grünen Veltliner zu vinifizieren, zu verraten. So begeistert ich von den Kenntnissen zum Wein und seiner Liebe zur Musik auch war, so diplomatisch schwieg ich zu seinen Versuchen, unsere Nationalrebe zu den Eidgenossen zu verpflanzen. Aber mir hat der Chasselas damals auch nur in der Schweiz geschmeckt und nicht bei uns zu Hause.
Weiter ging es dann in die nahe gelegenen Berge. Mit der Zahnradbahn erklommen wir ein Chalet-Hotel-Restaurant inmitten der Piste, wo schon ein Topf mit Käsefondue, Brot und Pickles auf uns wartete. Dort schlug ich mir nicht nur den Bauch voll mit Brot und Käse, Peter sorgte auch dafür, dass ich in diesen Stunden auch den spirituellen Reichtum nicht zu knapp anhäufte. Daher tauchte die sonnige Winter-Mittagssonne immer mehr in einen wohligen Vorfrühlingsnebel, den wir in Form einer schmackhaften Kaffeepause im Montreux Palace Hotel verbrachten, bevor wir zu Claude aufbrachen. Du musst wissen, Claude Nobs stand nicht nur in der Schweiz in Jazzkreisen knapp vor der Heiligsprechung. Die Stadt Montreux liebte ihn schon wegen seiner lebenslangen Umtriebigkeit als Tourismusverantwortlicher, und als er gemeinsam mit den Ertegun-Brüdern die Idee realisierte, hier am Genfer See ein Jazzfestival zu gründen, schaffte er es, der Gemeinde zu Weltruhm zu verhelfen. Die Gebrüder Ertegun waren übrigens zwei Sprösslinge eines türkischen Diplomaten in den USA und Musikliebhaber, die mit dem Label Atlantic Records bereits ein Unternehmen von Weltrang besaßen. Durch dieses Unternehmen gingen so ziemlich alle Musikerinnen und Musiker, die einmal globale Bedeutung erreichen sollten, und da war es für das Gespann eine willkommene Idee, hier alljährlich ein Come Together, ein Must für die Branche zu etablieren, weit über den Jazz hinausreichend. Eines Tages brannte es im Casino von Montreux, was Richie Blackmore von den Deep Purple nicht zuletzt dazu animierte, der Katastrophe den Song „Smoke On The Water“ zu widmen. Auch für einen Österreicher war das Festival übrigens Sprungbrett zur weltweite Akzeptanz, als er 1981 dort auftrat, woraus dann sein Album „Live At Montreux“ resultierte, das Harri Stojka bis heute begleitet.
Am späteren Nachmittag trafen Peter und ich, erfrischt und mit einer Brise Koffein gestärkt, bei Claude und seinen Assistenten ein, die mich auch mit historischen Erinnerungs- und Versatzstücken ausstatteten, so großzügig, dass ich befürchtete, diese Schätze gar nicht nach Hause transportieren zu können. Bei ein, zwei Gläsern hervorragendem Chardonnay, das Schweizer Apero-Getränk, und dafür war es auch schon an der Zeit, erfuhr ich vom Meister Historisches und Anekdotisches seit dem Jahr 1967, als alles begann. Kurze Zeit später verunglückte Claude Nobs beim Schifahren tödlich. Die Musikwelt trauert, denke ich, heute noch um einen der begnadetsten Netzwerker der internationalen Musikszene.
Die letzte Station des Tages bestand in einem abschließenden, den Tag ausklingen lassenden Besuch in Peters Apartment, untergebracht in einem ehemaligen Hotel oberhalb von Montreux. Als er sich anschickte, erneut eine Flasche sicherlich hervorragenden Weins zu öffneten, winkten wir, der am Nachmittag dazu gestoßene Manager des Montreux-Tourismus und ich, ab, indem dieser flehte, ersteren durch einen kräftigen Schluck „Châtau de Pompe“ zu subsumieren, also durch einen kräftigen Schluck Wasser.

Jetzt bliebe noch, einen kulinarisch wie künstlerisch wohlschmeckenden Abend bei einem private public viewing im Stil von Montreux im Sommer, Palace Hotel, Fondue, staubtrockenem Chardonnay, einen ebensolchen Schampus und last but not least einem unvergesslichen Konzert mit etwa Miles Davis aus dem Jahr 1991, aus dem Sommer, bevor er unsterblich wurde.

5 Gedanken zu „Swiss Memories“

    1. Ich probiere zu antworten, keine Angst, du musst nicht daran reagieren, aber ich weiß seit schon fast 100 Jahren nicht, ob es funktioniert.

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