Scharfe Erinnerungen

b66748330d11cbd04ed796315a122215Das Jahr, alt an Tagen, erinnert den Verfasser daran, dass nicht nur dessen, sondern auch seine Tage schon lange gezählt werden, und daher denke ich dass es Zeit ist, sich an die vielen scharfen Ereignisse, die ich erleben durfte und dieses so sehr bereichert haben, zu erinnern und es für die Nachwelt niederschreiben zu müssen. Denn was wären wir ohne sie?

Bereits in zarten Knabenalter war ich davon beseelt, meine Speisen herzhaft zu würzen, was unsere Hausärztin dazu motivierte, mir mitzuteilen, dass ich getrost auch Schwefelsäure in mein Essen geben könne, das hätte denselben Effekt. Sie war selbst nicht unscharf, wie ich mich dunkel erinnere, sie trug stolz ihr feurig-rotes Haar und fuhr, auch daran erinnere ich mich, ein schicken weißen Mercedes Sportcabrio mit roten Ledersitzen, versuchte jedoch vergeblich, mich von meiner Leidenschaft für scharfe Glücksgefühle abzubringen. War es doch zu schön, den Schmerz zu spüren und vor allem, dass er nach wenigen Sekunden, wenn er sich dann bequemte, wieder nachzulassen, wieder vorbei war. Aber er hinterließ sodann ein warmes, wohliges Gefühl der Wärme, ließ mich gut gelaunt nach der nächsten Chilischote greifen, und so sollte es mein Leben lang bleiben.

Außer Schnitzel, Schweinsbraten und Leberkäs’ bot die Gastronomie meiner Kindheit selten anderes, was meine Sehnsucht stillen konnte, und daher war eine Eprouvette aus dem gerade erstandenen Chemiebaukasten, gefüllt mit dem köstlichen Gewürz, mein ständiger Begleiter.
Meine erste gastronomische Erfahrung machte ich daher in den 70er Jahren beim Inder, auf dessen Besuch im Familienverband ich insistierte und bestellte mein Curry natürlich extrascharf. Wie es tatsächlich geschmeckt hat, daran erinnere ich mich nur vage, viel mehr an das schelmische Grinsen des Kellners, der meinem Wunsch gerne nachkam und sich, gemeinsam mit der Tischgesellschaft dann darüber amüsierte, dass ich meine Schmerzen nur ansatzweise verbergen konnte.
Aber ich hatte eine neue Erfahrung gewonnen, Extrascharf fand Eingang in meinen Wortschatz, Selbstberrschung ob der Schmerzen und die damit verbundenen Tränen- und Schweißausbrüche ebenfalls. Das gab mir auch die Kraft, bei den mittlerweile aus den Boden schießenden Chinarestaurants mit entsprechenden Mutproben zu punkten, den Acht Schätzen wurde ein neunter hinzugefügt, und das Personal füllte auch gerne die Gläser mit der Chilipaste für mich auf.
Eine Reise nach Taiwan in den frühen 80er Jahren, sollte auch mein erstes Meisterstück darstellen: Als einzigem Langnasen unter der ansonsten zivilisierten Gemeinde bestellte man, ich war der Sprache ja nicht mächtig, stets und mit Übles zu erwartendem Kichern, in der Regel durchaus Exotisches. An die roten Hühnerklauen erinnere ich mich mit Schrecken als ich sie serviert bekam, ebenso wie an die ganze Pracht, ich nenne sie der Einfachheit halber Rote Henne, die mir noch am nächsten Tag beträchtliche Schmerzen bereitete, Afterburner sozusagen. Immerhin versagte ich aber nicht, als man für mich, ich nenne sie Zwergmuscheln, bestellte, die hielten sich, was zu Zubereitung betrifft, zwar in den einschlägigen Grenzen, aber hier testete man mich im Umgang mit den Stäbchen. Wenigstens das beherrschte ich, und damit genoss man eine Attraktion weniger.
Back in Vienna, back in business: Der Thailänder meines Vertrauens war bald gefunden, und so durfte ich hier ebenso schmerzhafte nationale Besonderheiten kennen- und schätzen lernen, und das im 17. Wiener Gemeindebezirk! Mit den Wirten verband mich damals übrigens bald eine innige Freundschaft, weil sie mir mitteilten, dass sie für den angeschlossenen Shop ihre Köstlichkeiten per Lauda Air, für die ich damals arbeitete, einfliegen ließen. Mehr Authenzitität geht nicht, oder?
Das nächste Erlebnis betrifft zwar nicht mich selbst, ist aber auch berichtenswert: Ich habe einen Schwager, den Heinzi, und den hinters Licht zu führen, bereitete und bereitet mir wohl auch heute noch große Freude. Einmal ergab es sich, dass wir eine so genannte Home Jause veranstalteten. Alle plünderten wir unsere Kühlschränke und brachten unsere Vorräte mit, auf, dass sie in Gemeinsamkeit verspeist würden. So auch ich. Ich steuerte neben Wurst, Schinken und Käse auch ein Bouquet frischer Piri Piri bei. Heinzi, unkundig, fragte, ob man das essen könne. Ich bejahte, allerdings mit dem Hinweis, dass man nur herzhaft hineinbeissen müsse, damit sich der Geschmack zu vollendeter Wirkung entwickeln könne. Gesagt, getan, und der Rest war eine Symphonie aus Schreien und Gurgeln unter dem Wasserhahn.
Doch was freut den Vater mehr, als seine Erfahrungen und Neigungen in die nächste Generation weiterzutragen? Anfangs war es die Pizza molto diavolo beim Einschenkonkel, dem Lieblingsrestaurant in Klosterneuburg, später dann die Curryinsel, ein ebenfalls empfehlenswertes Restaurant im 8. Bezirk. Hier bestellt man, wenn man eine opulente Tischgemeinde organisiert hat, die verschiedensten Currys, unter ihnen ein scheinbar unscheinbares, dessen Namen ich im Moment zwar vergessen habe, jedoch davor von der entzückenden Kellnerin ausdrücklich gewarnt wurde. David und ich orderten je eines für ihn und für mich. Sie quittierte das anfangs mit entsetztem Blick, später dann mit einem anerkennendem, als wir zwei weitere Portionen davon nachbestellten.
Lustig war’s auch auf einem Chili-Markt und er Steiermark, beziehungsvoll im Vulkanland: Dort stellte ein Standler, inmitten einer Allee von Chilibäumen, seine scharfen Genüsse aus, bot sie zur Verkostung feil, und ich habe an diesem Vormittag noch nie so viele Menschen gesehen, mit Tränen in den Augen, roten Köpfen, schweißtriefend und so gut aufgelegt.
Bliebe noch meine Lieblingsspeise, die ich gerne meinen Gästen serviere: die Scharfe Hanne. Die Idee hatten Andi, mein Grätzlnachbar, und ich, als wir illuminiert, aber hungrig bei mir zu Hause einfielen und es mir oblag, etwas Essbares zu zaubern. Huhn war da, ein paar Zwiebel, Knoblauch sowieso, die Gewürzmenagerie und Berge von roten Chilis. Auch hier symbiotisierten Tränen mit neuem Glück, der Geschmack von Huhn und die Redseligkeit zweier Gänseriche.

Das Gulasch köchelt nun schon seit fast vier Stunden. Es wird schön langsam Zeit, ans Verkosten zu schreiten und auch, darüber zu entscheiden, ob ich dazu am Neujahrstag jemanden einlade, es mit mir zu verspeisen, oder, ob es mir alleine bleibt.

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