Morgenpost vom 22. Dezember 2016

Wolfgang Rauscher                                          Heute 10:06
An: Christa Ransmayr
Re: Morgenpost

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Guten Morgen!

Jetzt wird’s schwer: allmorgendlich die Morgenpost, abends der Tagesbericht, und jetzt warte ich auf Zenzi, die Muse, die mich küsst, um dir den Sonnenschein in deinen Computer und hoffentlich ein Lächen in dein Gesicht zu zaubern. Kommt sie nun, die Zenzi? Oder kommt sie nicht? Fragen über Fragen, das Grübeln nimmt kein Ende.
15094257_1207641902639389_543748112684672996_nNun, was du noch nicht weißt seit gestern, ist ein Lagebericht zum Abend. Oft angekündigt aber nie eingehalten: Hiermit beschließe ich und schwöre, nie mehr über die Rottung, namentlich Andreas Schinko, zu sudern. Obwohl, gestern ist er schon angesäuselt erschienen und hat erst lautstark, dann schreiend die ganze spezerei in Beschlag genommen. An eine Unterhaltung war nicht zu denken, denn mit zunehmendem Fortschreiten des Abends erhöhte sich sein Alkoholspiegel ja entsprechend, und so schloss sich der Teufelskreis. Je höher der Spiegel, desto lauter sie Stimme und desto tiefer die Themen. Gabriela bekam davon genauso Kopfweh wie ich, Barbara, denke ich, war stets auf der Hut, rettend für ihn einspringen zu müssen, wenn er sich zu sehr aufführte, Fritz versuchte manchmal, mitzuhalten, und an führender Stelle gerierte sich die Rottungsintellektuelle Michaela, deren Zustand sich aber mit fortschreitender Zeit mehr und mehr dem Schinkos anpasste. So grölte man lautstark zu „My Way“ mit Sid Vicious (eine Punkikone aus den 80ern, Anm.d.Verf.) und Nina Hagen, strapazierte wieder das Metier der Wiener Punks in der Gassergasse, wo sich der Held stets wohl fühlte, die Biker, die, immer besoffen oder sonst irgendwie zugedröhnt, auf ihren Maschinen der Welt und bisweilen auch sich einen Haxen ausrissen. Zu den Klängen von AC/DC, versteht sich, fand man auf den Highways To Hell ein popstpubertäres Zuhause. Dies und noch viel mehr durften wir uns wieder einmal einbläuen Lassen, und die friedvolle vorweihnachtliche Stimmung war demnach grenzenlos.
Aber der eigentliche Zweck, die Übergabe der Weihnachtskekse, ging klaglos über die Bühne, der Angriff auf die Vanillekipferl folgte sogleich, höchstes Lob allerorts und auch hier wurde Schinko seinem Ruf als Brachialterminator gerecht und schoppte seine Wampe sogleich mit einigen tausend Kalorien. Barbara blickte wie immer stumm um den ganzen Tisch.
Das bringt mich allerdings zum einzigen wirklichen schmerzhaften Thema der Woche: Während sich Unwürdige die Kekse weißgottwohin stopfen, wirst du, wie es aussieht, leer ausgehen, was mir das Herz bricht. Mittlerweile hat das Backen ein Ende, die Kalorienpracht ist verteilt, kein einziges davon wird die unendlichen Weiten der Mauerbacher Vorstadtpampa zu sehen bekommen. So erleben wir soeben die traurige Situation, die letzten Vanillekipferl trösten zu müssen, die sich doch so gefreut hätten, sich ihrem Sinn des Lebens hinzugeben und von deinen königlichen Lippen geküsst und vernascht zu werden.
Aber zum Trost werden wir, wenn du mich wieder besuchen kommst, Faschingskrapfen und Scherzkekse vernichten, einverstanden?

Jetzt versuche ich, die guten Vorsätze für den Tag umzusetzen, langsam macht sich Weihnachtsstimmung breit, und so stürze ich mich in die Aufgaben, die auf mich warten. Gestern haben David und ich einige davon schon erledigt, inklusive Christbaumabholung. Den hatte der Boss schon längst ausgesucht, aber zum Schleppen hat man dann doch das niedrige Volk männlichen Geschlechts beauftragt. Heute, nach dem Sport, mache ich mich über die Pflichtmails und dann über die persönlichen zur Saison her. Und morgen muss ich mich dann schon an die Besorgungen des umfangreichen Kulinariums kümmern, dann heißt’s durchhalten zwischen Karpfen, Gans und Keks, und schließlich steht dem finalen, kräftigen Schluck Schwedenbitter zum Abschluss der Festtage nichts mehr im Wege …

in diesem Sinn wünsche ich dir einen schönen Tag!
Bussi,
Wolfgang


Wolfgang Rauscher
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