Kitz

Letztens lernte ich mit dem neuen Wein auch die Winzerin Barbara Öhlzelt inmitten einer illustren Runde in der St. Pöltner Kellergasse kennen. Lange rätselten wir über das Zustandekommen des Namens, den man dem Rebensaft gegeben hatte, aber niemand wusste um die sagenhafte Geschichte, die dem jungen, erfrischenden Tropfen anhing.

Schon seit Menschengedenken huldigten die Winzer der so genannten Weinberggeiß, unter deren Patronanz sie Jahr für Jahr ihren köstlichen Rebensaft kelterten und ihr spät im Herbst, wenn die mühevolle Arbeit in Garten und Keller vollbracht war, ein großes Fest ausrichteten. Allerdings, und auch das soll nicht verschwiegen bleiben, war es eher der Ziegenbock, der in den Genuss des jungen Tropfen kam, denn er, nicht scheu, probierte so manchen großzügigen Schluck aus den soeben geöffneten Fässern, was zur Folge hatte, dass es der Geiß zufiel, hoch erhobenen Hauptes die Krone zu tragen, welche die Kunst der Weinbauern weithin zum Ausdruck brachte.
So geschah es alljährlich, die Winzer verrichteten ihr Handwerk, der Ziegenbock übte sich im ausgiebigen Verkosten, und der Weinberggeiß verblieb die Bürde, den Glanz des goldenen Rebensaftes in die Welt hinauszutragen. Eines Tages jedoch schickte sich Barbara, die Jungwinzerin an, dem althergebrachten Treiben Paroli zu bieten. Mit ihrem jugendlichen Esprit verzauberte sie gleichsam die Reben in den Rieden um Zöbing, ungeduldig erwarteten diese und ihre Herrin, in den Fässern reifen zu dürfen zu dem anregenden Trunk, der die Herzen ihrer Freunde und Kenner bald höher schlagen lassen würde. Doch was war das? In jenen Tagen, als Barbara sich anschickte, die Frische ihrer Kunst in die Welt hinauszutragen, gesellte sich ein Geißlein zu ihr in den Weingarten, während diese sich ihrer beschwerlichen Winzerarbeit widmete. Interessiert verfolgte sie Schritt für Schritt ihrer kunstvollen Handgriffe und wurde bald zu steten Lebensgefährtin der Jungwinzerin, aufgeweckt und  ebenso interessiert am neuen Rebensaft. „Du bist meine neue Weinberggeiß,“ strahlte Barbara, „denn du kannst die Krone der Weinbaukunst in frischer Würde tragen, auf dass sich die Menschen auch in Zukunft an meiner Kunst erfreuen mögen.“
Sprach’s und gab ihrer neuesten Erfindung, dem jungen, fruchtigen und ebenso zum Verweilen einladenden, süffigen Rebensaft auch gleich einen Namen: „Kitz“ sollte er heißen, schon mit dem ersten Schluck ihre beider Lebensfreude im Weingarten zum Ausdruck bringen und einladen, die Menschen in ihrer Geselligkeit beim Glaserl Wein ein wenig näher zu bringen.

Gestern war es mir gegönnt, die beiden, Kitz und Barbara auch persönlich kennen zu lernen, unterstützt durch Thomas, dem Wirten, von seinen Zweifeln an die Schöpfung längst befreit, seiner Frau, der illustren Runde nebenan und vor allem Katja, die mir die Gelegenheit gab, einander in der Kellergassen, in der milden Abendsonne und eben bei so manchem Glas vom Kitz ein Stück näher zu kommen.

7 Gedanken zu „Kitz“

  1. Lieber Wolfgang!
    Deine „Kitz“ Geschichte ist einfach super und total lieb!!!!!
    Einzigartig und mit so viel Gefühl! So etwas ist einfach schön zu lesen!!! Danke😘😘😘

  2. Ein Wahnsinn – so einzigartig und nett niedergeschrieben – ich freu mich wahnsinnig über diese Zeilen. Vielen lieben Dank!!! Es würde mich sehr freuen, wenn Ihr mich mit Katja und Thomas bei mir hier im Keller mal besucht – das wäre fein!!!

    1. Danke für die Blumen 🙂
      Ich werde deinen Vorschlag gerne weitersagen (an mir liegt es sicher nicht) und hoffe, dass die beiden sich auch die Zeit nehmen.

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