Abschied von Heinz Schandl

Als ich zu Beginn des Jahres Heinz auf einem Kunstmarkt im Grätzl kennen lernen durfte, haben sich, wie man so schön bei uns sagt, zwei gesucht und gefunden. Wie gesagt, ich hatte ihn zuvor noch nie gesehen, und so gefiel mir der schlanke, etwas hagere ältere Herr mit seinem eleganten Auftreten vom Fleck weg und daher suchte ich hier, wo sich einige Leute zum Tratsch mit Gehalt trafen, sofort das Gespräch mit ihm. Und ich wurde nicht enttäuscht: klar, zu Beginn klopft man einander ab, versucht, sich über  seine Ansichten, seine Meinungen, dem einen oder anderen Sager spontan ein Bild von seinem Gegenüber zu machen, und ich denke, wir hatten beide dasselbe im Sinn.

Schnell kam man ins Politisieren: das hat einerseits den Vorteil, dass man recht schnell über die Ansichten im Rahmen der Weltanschauung des Anderen entscheiden kann, ob man die Unterhaltung überhaupt weiterführen will bzw. ob es sich auszahlt, noch eine Weile miteinander zu verbringen. Nun, anscheinend fällten beide die Entscheidung für zweiteres, die Zeit schritt voran, und wir mussten uns voneinander verabschieden, denn es warteten noch die übrigen Verpflichtungen das Tagwerks auf uns.
War es Zufall, oder hatten wir es uns, jeder für sich, vorgenommen, dass sich die beiden Verrückten eine Woche später – der Kunstmarkt in der Karmelitergasse öffnete jeden Donnerstag am Nachmittag seine Türen – einander wiedersehen wollten? Nun, ich für meinen Teil kann sagen, ich habe mich schon sehr gefreut, den Heinz dort aufs Neue angetroffen zu haben, und sofort wurde da weiter getratscht, wo wir eine Woche zuvor die Unterhaltung beendet hatten. Und so kamen wir auch auf das Thema des Schreibens zu sprechen, denn er offenbarte mir, dass er in dieser Hinsicht noch einiges zu erledigen hätte, und zwar relativ schnell. Denn in diesem Zusammenhang erfuhr ich von ihm auch, dass er im Grunde sehr schwer krank war und dass es ihm wohl nicht mehr beschieden sein würde, noch lange zu leben. Hier fällten wir eine schwerwiegende Entscheidung: „Was hältst du davon,“ fragte ich ihn, „wenn wir uns einmal in der Woche  zu einem Jour Fixe zusammenfinden? Du erzählst mir die Geschichten aus deinem Leben, bringst Selbstgeschriebenes aus deiner Feder mit, und schließlich machen wir daraus ein Buch. Ein Titel dafür fällt mir gerade spontan ein. Aus den bisherigen Erzählungen können wir es, sagen wir ,Der Grätzl-Filou’ nennen, der trifft den Nagel mit Sicherheit ziemlich auf den Kopf.“
Ich denke, in dem Moment, als ich den Arbeitstitel ausgesprochen hatte, begann sein Gehirn, die Erinnerungen seines Lebens zu aktivieren, denn sein Einverständnis folgte spontan auf dem Fuß.
In der folgenden Woche, unser Werkvertrag war per Handschlag besiegelt, trafen wir uns im Café ,Zur Einfahrt’ am Karmelitermarkt, und es wurde vereinbart, dass dieses Etablissement ab nun unser konspiratives und literarisches Hauptquartier darstellen sollte. Jeden Dienstag um zwei Uhr wollten wir uns treffen, ohne zeitliche Begrenzung, open end sozusagen. Heinz würde erzählen, ich würde fieberhaft mitschreiben und höchstens ab und zu eine Zwischenfrage stellen, um seine Geschichten schon vorab ein wenig zu strukturieren, Anregungen geben, welche Themen uns in Zukunft noch auf der Zunge brennen würden und so die unterhaltsamen Grätzl-Memoiren des Grätzl-Filous Schritt für Schritt Realität werden lassen. Heinz erzählte im Gegenzug, dass er sich mittlerweile schon schlau gemacht und Erkundigungen eingezogen hätte, sich einen günstigen Laptop zuzulegen. Auch einen E-Mail Account würde er organisieren, damit man sich auch zwischen den Jours Fixes austauschen könne. Meine Aufgabe sollte ja in weiterer Folge darin bestehen, das gesagte zu ordnen, in Schriftform zu transkribieren, aber auch die Texte, die er nun ebenfalls verfassen wollte, zu sammeln und darüber hinaus seine Erzählungen moderieren. Daraus würde schon eine Menge an lesenswerten Inhalten zusammenkommen, Erinnerungen an den 2. und 20. Bezirk, die eben aus der Sicht eines umtriebigen Filous nicht in Vergessenheit geraten sollten. Ich hatte schon Kontakt zu einflussreichen Leuten im Bezirk und auch zur Partei aufgenommen, die uns Hilfe in Aussicht gestellt hatten, um das Projekt auch tatsächlich auf dieser Ebene realisieren zu können.
Die Zeichen standen also gut, allerdings dieses erste echte Arbeitstreffen sollte, wie sich herausstellte, das letzte gewesen sein. Bereits in der darauffolgenden Woche bat er mich, den Termin zu verschieben, denn die Schmerzen hatten von ihm anscheinend schon so sehr Besitz ergriffen, dass es Heinz anscheinend kaum noch möglich war, das Haus zu verlassen. So sollte es auch bleiben, aus den Anrufen wurden lapidare SMS-Mitteilungen, und schließlich erfuhr ich aus einer der letzten, dass er anscheinend „zu nichts mehr zu gebrauchen“ sei. Ihn zu besuchen lehnte er ab, und so war es vor einigen Tagen sein letztes SMS, das mir allerdings schon seine Tochter Timea sandte, in dem sich Heinz auch von mir verabschiedete.
Demnach fällt es mir schwer, über sein Leben zu sprechen, denn wir befanden uns im Rahmen unseres Projekts noch zu sehr am Anfang, als dass ich euch und mich an seine Stationen erinnern kann. Wir sprachen etwa über unsere Gemeinsamkeit, was die Liebe zum Fußball betroffen hat, nämlich, dass wir sie beide so was von nicht teilten und dass wir ein ähnliches Rezept gefunden hatten, um den Fußball-Diskussionen zu entgehen. Täuschte ich in der Jugend vor, anstatt zu Austria oder Rapid zur Innsbruck zu helfen, war es bei ihm der LASK. Mit dem Ergebnis, dass man diesbezüglich fortan von seiner Mitwelt zwar geächtet, aber dafür in Ruhe gelassen wurde.  Auch die Leidenschaft für Lesen, für die Literatur teilten wir. Aufgewachsen auch mit Karl May, gesellten sich bei Heinz allerdings schon bald ein Ernest hinzu, nämlich Ernest Hemingway. Damit, und auch das verband uns spontan, galt die Liebe auch der deutschen Sprache, sie korrekt zu verwenden, und gemeinsam litten wir, wenn es unsere Umwelt damit nicht gar so ernst nahm und ganz locker mit dem Dativ umsprang und dergleichen: „Die Bevölkerung ist sprachlos geworden,“ meinte er bei der Gelegenheit. Ja, man könnte meinen, an dieser Stelle verging Heinz der Spaß und ich pflichtete ihm gerne bei. Wir sprachen über die Schulzeit, über seine Zeit in Trinidad und schließlich über eine andere Gemeinsamkeit, nämlich die, technisch zeitlebens als ziemliche Nackerbatzerl durchs Leben gegangen zu sein. So auch, wenn es sich um Computer und Mobiltelefone handelte, wo er doch, wenn er mit dem Ausdruck „Handy“ konfrontiert wurde, eher an ein knuspriges Grillhenderl dachte als ans Telefonieren.
Wir hatten tatsächlich noch viel vor, die Themen waren für die nächsten Treffen schon vorbereitet, aber dazu sollte es nicht mehr kommen. Daher habe ich keine sündige Anekdote parat, die Heinz auch abschließend noch kurz charakterisieren würde, so versuche ich es mit einem Zitat von Leonardo da Vinci:
Wie ein gut verbrachter Tag einen glücklichen Schlaf beschert,
so beschert ein gut verbrachtes Leben einen glücklichen Tod.

2 Gedanken zu „Abschied von Heinz Schandl“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.